Banner
Banner

Bühnenmusik von Jean-Philippe Rameau

15.06.2011  | von Attila Csampai
 
Rameaus Bühnenwerke spiegeln den späten Glanz der höfischen Kultur in Versailles, und galten schon zu seinen Lebzeiten als altmodisch. Jetzt hat das Linzer L’Orfeo Barockorchester die Schönheit  seiner Instrumentalmusik wiederbelebt.

Bühnenmusik von Jean-Philippe Rameau
Seine erste Oper schrieb Jean-Philippe Rameau (1683- 1764), Lullys Nachfolger als führender französischer Hofkomponist, erst mit 50 Jahren, nachdem er sich als Organist und Musiktheoretiker einen Namen gemacht hatte: In den verbleibenden drei Jahrzehnten seines Lebens schuf er über 25 Bühnenwerke, deren Schönheit und unglaublicher Ideenreichtum erst in den letzten Jahrzehnten vor allem durch die französischen Historisten wiederentdeckt worden sind, durch Jean Claude Malgoire, William Christie und Marc Minkowski. Auf deutschen Bühnen begegnet man Rameaus Werken bis heute sehr selten, trotz der ausgeprägten Barock-Mode der letzten Jahre. Das mag an der Sprachbarriere liegen, aber hat gewiss etwas mit dem höfischen Prunk, den Tanzeinlagen und überhaupt dem repräsentativen Gestus und den antiken Stoffen der französischen Theatertradition zu tun, mit der das deutsche Opernpublikum nur wenig anzufangen wusste. Insofern ist es schon etwas Besonderes, vielleicht auch ein Zeichen eines neuen europäischen  Kulturbewusstseins, dass jetzt ein österreichisches Ensemble aus Linz die Orchesterstücke aus zwei großartigen Bühnenwerken Rameaus zu grossen Suiten zusammengefügt hat. 

In den 14 Jahren seines Bestehens hat sich das L’Orfeo Barockorchester unter seiner Gründerin und Leiterin Michi Gaigg, einer exzellenten Barockgeigerin, ganz nach vorne gespielt in der europäischen Alten-Musik-Szene und zuletzt auch einige vergessene Opernjuwelen – wie Telemanns „Orpheus“ oder Haydns „Die wüste Insel“ – eindrucksvoll wiederbelebt. Von da war es nur ein Schritt zu Rameaus wunderbarer Bühnenmusik, auch wenn man jetzt nur die Instrumentalstücke aus seiner ersten Oper „Hippolyte et Aricie“ von 1733 sowie aus dem kaum bekannten fünfaktigen Ballett „Zais“ von 1745 eingespielt hat. Die Schönheit und innere Vielfalt von Rameaus farbenprächtiger Orchestermusik kommt so, in der suitenartigen Verdichtung, fast noch besser zur Geltung als in den ausladenden, für manchen doch etwas zu langatmigen Opern. Mit jeweils zweimal 19 Einzelsätzen geben die Suiten einen sehr eindrucksvollen Überblick über das Arsenal an Tanztypen, an szenischen Topoi und an dramatischen Effekten, die diese hochentwickelte höfische Theatermusik um die Mitte des 18. Jahrhunderts erreicht hatte, bevor Glucks Opernreform und dann auch die bürgerliche Revolution der Gattung neue Wege wiesen. Von „Akademismus“, den man Rameau immer wieder vorwarf, ist hier nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil: So hat er in „Zais“ ein zeittypisch pastorales Sujet,  nämlich die Liebe eines Luftgeistes zu einer Hirtin, bereits mit aufklärerischen Ideen durchwirkt, und er unterminiert hier die Sehnsucht der Hofgesellschaft nach einem friedvollen, natürlichen Leben durch dissonanzenreiche Harmonik, polyphone Stimmführung und starke musikalische Kontraste.

Und Michi Gaigg und ihre „orpheischen“ Mitstreiter gehen in beiden Suiten wieder mit einem tänzerischen Elan, einer rhythmischen Präzision und Klarheit zu Werke, dass man sofort angesteckt wird von ihrer Spielfreude und gar nicht genug bekommen kann von diesen raffinierten, kurzweiligen Orchesterminiaturen, die uns die ganze Pracht und das Lebensgefühl einer längst vergangenen höfischen Kunstform nahebringen. Das lichte, transparente und detailreiche Klangbild passt sehr gut zur „Klarheit“ der Musik.

Interpretation 95%
Editorischer Wert 90%

Rameau, Orchestersuiten aus „Zais“ und „Hippolyte et Aricie“
L’Orfeo Barockorchester, Michi Gaigg (Aufnahme 2010)
Crystal Classics/Capriccio  N 67063
TT: 62’08

Wir laden Sie ein, diesen Artikel zu kommentieren. Bitte loggen Sie sich dazu ein. Falls Sie sich noch nicht registriert haben sollten: dies ist im Handumdrehen erledigt.

Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
 
Banner
Banner