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Karparov & Brunn – East Side Story

25.05.2011  | von Hans-Jürgen Schaal
 
Was den frenetischen Rhythmus und den kreatürlichen „Cry“ angeht, steht die Tanzmusik vom Balkan dem Jazz nicht nach. Seit Jahren begeistern die Blaskapellen aus dem Südosten Europas – aber es geht auch intimer, wie Vladimir Karparov und Andreas Brunn beweisen.

Karparov & Brunn – East Side Story
„Wer sagt, dass unsere Vettern nicht auch einst mithalfen, den Jazz zu erfinden?“, fragte Ioan Ivancea einmal, der verstorbene Leiter der Gypsy-Band Fanfare Ciocarlia. Jazzmusiker wie Dusko Goykovich, Lala Kovacev, Bojan Zulfikarpasic benutzen schon lange den „Balkan-Blues“ als Inspiration. Aus Bulgarien kam 1971 der Pianist Milcho Leviev in den Westen, begleitete Art Pepper und unterstützte Don Ellis, den Freund kompliziertester Rhythmen. Denn für Leviev waren Taktarten wie 11/8 oder 13/8 nichts Ungewohntes: Rasant gespielte schräge Metren kannte er von klein auf aus den bulgarischen Bauerntänzen, etwa dem Horo (türkisch: Hora, von griechisch: Choros = der Chor, der Reigentanz). Ivo Papasov oder Theodosii Spassov haben die Folklore Bulgariens längst mit Jazz vermählt, in Amerika ließen sich Bands wie Pachora und Paradox Trio vom bulgarischen Blues und Rhythmus inspirieren. Der Balkan swingt.

Auch Vladimir Karparov kommt aus Bulgarien. Er spielt Tenor- und Sopransaxophon und studierte Jazz in Sofia, Hamburg und Berlin. Sein Partner Andreas Brunn stammt aus Weimar, ist ein Experte für östliche bis orientalische Musiken und spielt eine weltoffene akustische Jazzgitarre. Auf ihrer gemeinsamen CD East Side Story vermisst man keine weiteren Musiker. Denn Karparovs Saxophon durchwandert ein breites Spektrum, liefert sogar einen Walking Bass, und Brunns 7-saitige Spezialgitarre spinnt dichteste Gewebe aus Soli, Akkorden, Bässen, Skalen, Läufen, Klängen und Perkussion. Man hat das Gefühl, die beiden könnten zusammen tagelang jammen, ohne zu langweilen. Nicht umsonst gewannen sie 2006 den Berliner Studiopreis Jazz.

Dabei beschränken sich die beiden eigentlich auf zwei Rezepte: Jazz swingend und Jazz bulgarisch. In Charlie Parkers „Yardbird Suite“ legen sie los wie die Bebop-Teufel, in Brunns „Two Faces“ und „Gangstas Grave“ würzen sie ihren Swing noch dazu mit erdigen Soul-Jazz-Elementen und packendem Thriller-Groove. Für die bulgarisch inspirierten Stücke dann wechselt der 34-jährige Karparov vom Tenor aufs Sopran – und verwandelt dieses Instrument scheinbar in eine heulend jubilierende Balkan-Klarinette, manchmal auch in eine wilde Zurna, einen rauschenden Kaval oder einen summenden Duduk. Das ist streckenweise sensationell und im Zusammenspiel mit Brunns phantastisch-ungehöriger Global-Gitarre ein echtes Ereignis. Die Spannungskurve reißt dabei nie ab – nicht einmal in der McLaughlin/Bach-Mixtur, die einen sanfteren, kammermusikalischen Kontrapunkt setzt. Eine starke Stunde von einem starken Duo.

Karparov & Brunn – East Side Story
East Side Story
Yardbird Suite
Lyasata
Two Faces
Devóiko Mári Húbava
Gangstas Grave
Guardian Angel / Jesus, Joy Of Man’s Desiring
Sofia
Gankino Horo
The 5th Element
Andreas Brunn – 7-saitige akustische Gitarre, Perkussion
Vladimir Karparov – Sopransax, Tenorsax, Stimme
ITM 14129
TT: 60:58

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