Langjährige Fans der Sängerin PJ Harvey schienen verstört, als sie sich zuletzt einer geisterhaften Innenschau hingab. Sparsam die Klavierbegleitung, ätherisch der Gesang. Die Tage, als sie mit anschwellender Zornesader wütende Texte zu roher Gitarrenmusik hinausschleuderte, schienen vergangen. Doch jetzt richtet sie ihren Blick wieder auf die Außenwelt.
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| PJ Harvey – Let England Shake |
Mitte der 90-er Jahre erhob sich im Pop eine Stimme, die bis zum Äußersten ging: Nahe an der Verzerrung mischte PJ Harvey Wut und Begehren, verwandelte dreiminütige Songs in lang nachhallende Exorzismen. Über die Jahre suchte sie beständig neue Formen für ihre Strategie, das Innerste nach außen zu wenden, die feinsten Beziehungsmuster mit einem gnadenlosen Blick zu sezieren. Ein kalter, zuweilen verwunderter Blick, der sich – wie auf ihrem ihrem Balladen-Album White Chalk – ebenso auf die eigene Psyche richten konnte. Der alte Zorn ist aus ihrer Stimme verschwunden, wenn Let England Shake anhebt. Leicht und eingängig, fast beschwingt singt sie in bittersüßem Tonfall vom Ungeheuerlichen. Denn dieser Zyklus von zwölf Songs thematisiert verschiedene Aspekte des Krieges. PJ Harvey schlägt dabei den Bogen vom ersten Weltkrieg mit der Schlacht von Gallipoli bis zu den aktuellen Kämpfen in Afghanistan. Dramaturgisch geschickt kleidet sie ihre Texte in Songs, die im schönen Kontrast zur Schwere des Themas stehen. Zentrales Instrument ist dabei die Autoharp, ein der Zither verwandtes Instrument, das vorwiegend im Folk zu finden ist. Sie verweist so – en passant – auf die Tradition der Protestsongs, die sie mit Let England Shake fortführt; allerdings ohne platte Formeln, ohne nachbetungsfreudige Slogans, ohne Pathos. Die Texte, an denen sie zwei Jahre geschrieben hat, stecken voller Andeutungen, begnügen sich oft mit Verknappungen und Aussparungen. Sie erzählen nicht zuletzt von England, von Harveys ambivalenter Beziehung zwischen Geborgenheit und Enttäuschung; ein Land, das einen bitteren Geschmack hinterlässt, das aber auch um seines Schmutzes willen liebenswert ist. PJ Harvey hat es sich beim Schreiben, bei der Recherche nicht leicht gemacht – aber um so leichter fällt es, dieses Album seiner Poesie, seiner wundersamen Melodien und nicht zuletzt seiner Komplexität wegen zu lieben.
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1 Let England Shake 3:09 2 The Last Living Rose 2:21 3 The Glorious Land 3:34 4 The Words That Maketh Murder 3:45 5 All & Everyone 5:39 6 On Battleship Hill 4:07 7 England 3:11 8 In The Dark Places 2:59 9 Bitter Branches 2:29 10 Hanging In The Wire 2:42 11 Written On The Forehead 3:39 12 The Colour Of The Earth 2:33 |
| Gesamtspielzeit: 40:37 |
| (Island/Universal 2763025) |
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