Pierre Boulez setzt sich zum ersten Mal mit der Musik des Ekstatikers Karol Szymanowski auseinander und überzeugt vor allem auf klanglicher und struktureller Ebene.
| Karol Szymanowski – Violinkonzert Nr. 1 op. 35, Symphonie Nr. 3 „Das Lied von der Nacht‟ op. 27 |
In dem auf einer Bonus-CD beigegebenen Interview bekennt Boulez seine Faszination von den Werken der mittleren Schaffensperiode Szymanowskis, in der dieser einem hochpersönlichen Exotismus huldigt, Einflüsse der Kulturen des Mittelmeerraums sowie Nordafrikas in sich einsaugt sowie, auf musikalischer Ebene, Elemente der Stilistik Skrjabins mit denen des französischen Impressionismus verknüpft. Und es sind die orchestralen Hauptwerke dieser Periode, die Boulez hier präsentiert: das Erste Violinkonzert sowie die Dritte Sinfonie mit Tenorsolo und Chor auf Verse des großen persischen Dichters Rumi.
Christian Tetzlaffs Virtuosität steht außer Zweifel, und er besitzt die geforderte Phantasie und Flexibilität, die notwendig ist, um Szymanowskis quecksilbriger Spontanität in seinem von einem Gedicht inspirierten Violinkonzert zu folgen. Quasi improvisatorische Freiheit geht in Tetzlaffs Spiel einher mit souveräner Beherrschung der nicht einfach zu bändigenden Struktur, und Boulez ist ihm eine tatkräftige Unterstützung. Dass in dieser Interpretation viele instrumentale Details zu vernehmen sind, die andernorts in Szymanowskis extrem reichhaltiger Orchestrierung verborgen bleiben, war bei Boulez, dem Meister des röntgenologisch durchhörbaren Orchesterklangs, nicht anders zu erwarten.
Äußerste Transparenz ist es auch, die Boulez' Dirigat der Symphonie prägt. Daher ist die Einspielung aus rein klanglichen Kriterien zu empfehlen, wenn sie nicht gar die Referenz darstellt. Es sei jedoch nicht verschwiegen, dass das beherrschende Thema von Text und Musik – Erotik, Ekstase, Spiritualität – nicht unbedingt etwas ist, das man gemeinhin mit Boulez in Verbindung bringt. Und es macht auch nicht den Eindruck, dass er sich im Alter musikalisch darauf einlässt. Was man also hört, ist eine vorbildliche Auffächerung des formalen und motivischen Geflechts. Doch das für diese Musik unbedingt notwendige Fließen und Loslassen, sowie ganz allgemein rhythmische und agogische Flexibilität, findet sich zu wenig.
Nichtsdestoweniger vermag das große Buch der Klangfarben, das von Boulez (und den trefflichen Wiener Philharmonikern) hier geöffnet wird, schon zu faszinieren. Die magere Spieldauer der CD wird durch die erwähnte Bonus-CD, auf der sich Boulez, auch auf Deutsch, (nicht nur) zu Szymanowski äußert, wettgemacht.
| Interpretation | 80% |
| Repertoirewert | 70% |
| Karol Szymanowski Violinkonzert Nr. 1 op. 35 Symphonie Nr. 3 „Das Lied von der Nacht‟ op. 27 |
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| Christian Tetzlaff (Violine) Steve Davislim (Tenor) Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wien Wiener Philharmoniker, Leitung: Pierre Boulez |
| Aufgenommen 06/2009 & 03/2010 |
| Deutsche Grammophon 477 8771, CD |
| TT: 48' (Bonus-CD: 46') |













