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Karol Szymanowski – Violinkonzert Nr. 1 op. 35, Symphonie Nr. 3 op. 27

10.10.2010  | von Thomas Schulz
 
Pierre Boulez setzt sich zum ersten Mal mit der Musik des Ekstatikers Karol Szymanowski auseinander und überzeugt vor allem auf klanglicher und struktureller Ebene.

Karol Szymanowski – Violinkonzert Nr. 1 op. 35, Symphonie Nr. 3 „Das Lied von der Nacht‟ op. 27
Die Verpackung – Hardcover-Einband, umfangreicher Begleittext, Bonus-CD mit Interviews in drei Sprachen – signalisiert Hochwertigkeit. Ganz offensichtlich misst die Deutsche Grammophon dieser Veröffentlichung – eine von dreien zum 85. Geburtstag Pierre Boulez' – besondere Bedeutung zu oder will diese Bedeutung zumindest nach außen dokumentieren. Und dazu hat sie auch allen Grund, betritt Boulez doch mit dieser CD Neuland, in dem man ihn in früheren Zeiten gewiss nicht vermutet hätte: Dies ist das erste Mal, dass  die französische Komponisten- und Dirigentenlegende sich auf Tonträger mit der Musik Karol Szymanowskis auseinandersetzt.

In dem auf einer Bonus-CD beigegebenen Interview bekennt Boulez seine Faszination von den Werken der mittleren Schaffensperiode Szymanowskis, in der dieser einem hochpersönlichen Exotismus huldigt, Einflüsse der Kulturen des Mittelmeerraums sowie Nordafrikas in sich einsaugt sowie, auf musikalischer Ebene, Elemente der Stilistik Skrjabins mit denen des französischen Impressionismus verknüpft. Und es sind die orchestralen Hauptwerke dieser Periode, die Boulez hier präsentiert: das Erste Violinkonzert sowie die Dritte Sinfonie mit Tenorsolo und Chor auf Verse des großen persischen Dichters Rumi.

Christian Tetzlaffs Virtuosität steht außer Zweifel, und er besitzt die geforderte Phantasie und Flexibilität, die notwendig ist, um Szymanowskis quecksilbriger Spontanität in seinem von einem Gedicht inspirierten Violinkonzert zu folgen. Quasi improvisatorische Freiheit geht in Tetzlaffs Spiel einher mit souveräner Beherrschung der nicht einfach zu bändigenden Struktur, und Boulez ist ihm eine tatkräftige Unterstützung. Dass in dieser Interpretation viele instrumentale Details zu vernehmen sind, die andernorts in Szymanowskis extrem reichhaltiger Orchestrierung verborgen bleiben, war bei Boulez, dem Meister des röntgenologisch durchhörbaren Orchesterklangs, nicht anders zu erwarten.

Äußerste Transparenz ist es auch, die Boulez' Dirigat der Symphonie prägt. Daher ist die Einspielung aus rein klanglichen Kriterien zu empfehlen, wenn sie nicht gar die Referenz darstellt. Es sei jedoch nicht verschwiegen, dass das beherrschende Thema von Text und Musik – Erotik, Ekstase, Spiritualität – nicht unbedingt etwas ist, das man gemeinhin mit Boulez in Verbindung bringt. Und es macht auch nicht den Eindruck, dass er sich im Alter musikalisch darauf einlässt. Was man also hört, ist eine vorbildliche Auffächerung des formalen und motivischen Geflechts. Doch das für diese Musik unbedingt notwendige Fließen und Loslassen, sowie ganz allgemein rhythmische und agogische Flexibilität, findet sich zu wenig.

Nichtsdestoweniger vermag das große Buch der Klangfarben, das von Boulez (und den trefflichen Wiener Philharmonikern) hier geöffnet wird, schon zu faszinieren. Die magere Spieldauer der CD wird durch die erwähnte Bonus-CD, auf der sich Boulez, auch auf Deutsch, (nicht nur) zu Szymanowski äußert, wettgemacht.

Interpretation 80%
Repertoirewert 70%

Karol Szymanowski
Violinkonzert Nr. 1 op. 35
Symphonie Nr. 3 „Das Lied von der Nacht‟ op. 27
Christian Tetzlaff (Violine)
Steve Davislim (Tenor)
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wien
Wiener Philharmoniker, Leitung: Pierre Boulez
Aufgenommen 06/2009 & 03/2010
Deutsche Grammophon 477 8771, CD
TT: 48' (Bonus-CD: 46')

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